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Die Schwere des Augenblickes

DGKS. Barbara Haberhofer, Klinikum Graz,
Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin

Vor einiger Zeit habe ich den habe ich den Auftrag bekommen, ein Referat über Probleme im Umgang mit Angehörigen von Organspendern zu halten. Doch welchen Titel sollte ich dem Referat geben?

„ Die Schwere des Augenblickes „ - ein möglicher Titel? Ja!!

Er drückt genau das aus, worum es geht, um meinen Teil an der Arbeit, die für Menschen die Schwelle zwischen Leben und Tod und ebenso für andere Menschen die Schwelle zwischen Tod und weiter - leben können bedeutet.

 

Lassen sie mich mit einem Fallbeispiel einsteigen:

 

Schauplatz Intensivstation

Martin, ein junger Patient mit schwersten Schädelverletzungen nach einem schweren Verkehrsunfall liegt im Zimmer zwei. Die Kreislaufverhältnisse sind zwar stabilisiert, aber - der Hirntod ist eingetre­ten.

Spenderorgane werden dringend benötigt. Martin hat geeignete Organe.

Es ist 1300 Uhr. Auf der Intensivstation beginnt die Besuchszeit. Die Glo­cke läutet. Eine Schwester öffnet die Tür und begleitet Angehörige genau zu diesem Patienten.

Nun gilt es, die Nachricht zu überbringen, dass der Patient hirntot ist, eine Einwilligung zur Organ­spende wäre einzuholen.

 

Doch was sehen die Angehörigen ?

Martin sieht lebendig aus, die Haut ist rosig, er atmet ruhig, kein verzerrter Gesichtsausdruck, keinerlei Anzeichen von Schmerzen.

Er wird offensichtlich behandelt, gebettet, bekommt Infusionen, regelmäßige Herzschläge sind auf dem Monitor erkennbar. Wäre der Beatmungsschlauch nicht, könnte man glauben, Martin würde entspannt und zufrieden schlafen.

 

Doch der Arzt erklärt, Martin ist tot - hirntot

 

Die Mutter sagt zu dieser Begegnung später: „ Ich glaubte keinen Moment an seinen Tod. Ich sah mein lebendes Kind und hielt seine warme Hand!"

In dieser Situation der Aussichtslosigkeit hoffen viele Familienmitglieder auf ein Wunder. Sie beginnen zu beten und fest daran zu glauben, dass der Patient die Augen wieder aufmacht.

 

Woran liegt das?

 

Die herkömmliche, dem Menschen vertraute Beschreibung des Todes sieht so aus:

Es kommt zum - Kreislaufstillstand

zum - Sistieren der Durchblutung und letztendlich

zum - Tod des Gehirns.

Der tote Mensch ist kalt, starr, leblos, wächsern, ohne Atem.

 

Wie aber war es in unserem Beispiel:

OHNE Eintritt des Kreislaufstillstandes ist die Gesamtfunktion

-des Großhirns

-des Mittelhirns

-des Kleinhirns und

-des Hirnstammes erloschen.

 

 

Die Atemzüge werden von der Beatmungsmaschine über den Tubus in die Lungen gepumpt und durch intensivmedizinische Interventionen werden die Vitalfunktionen künstlich aufrecht erhalten.

Für manche Patienten mit schwersten Hirnschädigungen kommt jede Hilfe zu spät. Lebensrettung und Lebenserhaltung waren Ziel allen ärztlichen Handelns, doch alle Mühe war vergebens.

Hirntot.

Hirntod als endgültiger Tod, trotz schlagendem Herzen, trotz normaler Körpertemperatur.

 

In dieser Situation sind meine Kolleginnen, Kollegen und ich mit einer Reihe von Fragen konfrontiert :

Wir alle

-kennen die Rechtslage

-haben religiöse Vorstellungen, Moralvorstellungen

-wissen, was die Ärzte uns und natürlich auch den An­gehörigen Hirntoter sagen und

-haben einen großen, jahrelang aufgebauten, menschli­chen und fachlichen Erfahrungs-
schatz.

 

UND TROTZDEM haben wir Schwierigkeiten, wenn wir, günstigstenfalls, ratlosen oder schlimmsten­falls fragenden, verzweifelten Angehörigen gegenüberstehen. Der Arzt, der alles medizinisch Wichtige erklärt, ist ja meist schon gegangen.

Von UNS werden Antworten erwartet!

Wer soll sie sonst geben?

 

Was geschieht also beim Sterben, was ist der Tod?

Ist der menschliche Organismus mit dem Eintritt des Hirntodes nur mehr ein Ersatzteillager?

Die einzelnen Stationen des natürlichen Sterbeprozesses werden ja dank der modernen Medizin völlig auf den Kopf gestellt. Der Angehörige des Hirntoten sieht keinen typischen Leichnam mehr!

Es stellen sich die Fragen:

Ist der Hirntod Anfang des Sterbens?

Oder ist der Tod Ende des Sterbens?

Was bleibt ist Ratlosigkeit, Verzweiflung und Schock!

 

Und wie geht man trotz alldem von der menschlichen Seite richtig an das Problem heran?

Schlagartig ändert sich unsere Rolle:

Wir leiten die erste Phase der Trauerarbeit ein, die von den Angehörigen zu leisten ist. Sie müssen be­greifen, dass ein hirntoter Angehöriger t-o-t ist:

T-O-T, trotz nicht „totem" Aussehens,

T-O-T, trotz Herzschlagsignals am Monitor

T-O-T, trotz vitaler Körpertemperatur und Hautfarbe und

dass der Hirntote in diesem Zustand in den OP gebracht wird.

Die Angehörigen MÜSSEN begreifen, dass das Gegenteil traurige Wahrheit ist, was sie mit eigenen Augen sehen.

Sie müssen begreifen, dass nur komplizierte medizinische Geräte das körperliche absterben v-o-r-e-r-s-t verhindern.

 

Für diese Arbeit, die Krisenintervention in Reinkultur ist, haben wir alle keine Ausbildung!!! Supervi­sion hat noch nie funktioniert, höchstens persönliche Gespräche, und das oft erst nach Dienst. Mir ist diese Situation seit vielen Jahren vertraut.

Wenn ich nun über alle Erlebnisse und Erfahrungen dieser Zeit quasi Bilanz ziehe, komme ich zu fol­gende Aussagen:

 den Einstieg in die Trauerarbeit der Hinterbliebenen habe ich bereits erwähnt ebenso

 die Spannung, die sich beim Anblick eines Hirntoten aufdrängt

 dem Angehörigen MUSS, im wahrsten Sinne des Wortes beigestanden werden

 trotz fast gegenteiliger Rechtslage muss die Möglichkeit einer freien

Entscheidung vermittelt werden

 die Kommunikationsebene muss stimmen

 

 

 

Daraus resultiert auch:

-es darf absolut keinen Zeitdruck geben; dessen ungeachtet muss aber eine Entschei­dung getroffen werden

-die Gesprächskultur verbietet Diskussionen am Gang

-Vertrauen herzustellen ist oberstes Gebot

 

 Vertrauen in die Fachkompetenz der Ärzte

 Vertrauen in die Richtigkeit der Diagnose Tod

 Vertrauen in die Rechtmäßigkeit der Organentnahme

 Vertrauen, dass eine negative Entscheidung der Angehörigen - in bezug auf

die Organentnahme respektiert und nicht moralisch bewertet wird

 schließlich muss eine räumliche Situation geschaffen werden, die ein

Abschied nehmen in Ruhe und Würde ermöglicht

- ohne Zeitdruck

- ohne Zuschauer und Zuhörer

- ohne beobachtet werden, in der gebotenen Intimität

Wir sind da sehr erfinderisch!

 

Das Therapieziel der Sinnfindung/Sinnstiftung, das aus der Logotherapie entwickelt wurde, nimmt bei unserer Arbeit einen großen Stellenwert ein, obwohl wir keine ausgebildeten Therapeuten sind.

 

Ich darf noch ein Wort zu unserer Seite sagen:

-Voraussetzungen, diese Arbeit betreffend, bringen wir alle nicht mit. Für künftige Neue­rungen in der Ausbildung des diplomierten Krankenpflegefachperso­nals wäre dieses Thema mit seinen Aspekten medizinischer, moralischer und religiöser Art vorzumerken

-Supervision ist bislang daran gescheitert, weil niemand von uns „ auf Befehl" über trau­matisierende Erlebnisse bei unserer Arbeit reden kann. Glauben Sie mir, die gibt es!!

 

 

Trotz aller Fragen und Probleme, die es geben mag, ist unser handeln im Klinikalltag durch einen ein­zigen Begriff geprägt

C A R E

und meinen damit alles, was unser Berufsethos umschreibt.

 

CARE - pflegen, unterstützen, Sorge tragen, überwachen, aufpassen, helfen,

Obhut, Anteilnahme

LITERATURVERZEICHNIS:

 

 

 

 

1. C. Kapeller „ Schlafes Bruder" Leibnitz 2005

2. P. Eitzinger „ Ich pflege Tote" Graz 2002

3. www.transplantation-Information.de

4. www.linus-geisler.de

5. Prof.H.Metzler Graz 2005

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Letzte Änderung: 04.04.2007